Über 500 Gäste feiern, singen, schunkeln und lachen sich durch die Prunksitzung der KaGe Blau-Rot – mit Pointen und viel Tradition.
Wenn in Malsch die KaGe Blau-Rot ruft, bleibt der Ernst vor der Tür. Und wenn um 19.11 Uhr das Prinzenpaar Marcel I. und Sophie I. mit Gefolge in eine proppenvolle Letzenberghalle einzieht und bis weit nach Mitternacht mit über 500 Gästen singt, schunkelt und feiert, dann ist Prunksitzung.
Kaum ist der Einzug vorbei, streikt die Technik. Das Mikrofon bleibt stumm. „Da hat jemand den Stecker gezogen“, ruft ein Zuschauer – halb Scherz, halb Diagnose. Doch der kleine Defekt bremst die Stimmung nicht aus. Im Gegenteil: Das Publikum übernimmt kurzerhand und singt schon mal vorab: „Nix wie in die Gurgel noi“. Gefolgt von einer La-Ola-Welle des Elferrats auf der Bühne. Karneval braucht keinen Verstärker, sie hat eigene Lautsprecher: die Menschen. Als das Mikro nach ein paar Minuten wieder funktioniert, bricht tosender Applaus los. Sitzungspräsident Alexander Erhard übernimmt die Moderation. Und dann kann Arno Stegmaier endlich tun, worauf alle warten: Gemeinsam mit dem ganzen Saal singt er den 1954 komponierten Karnevalsschlager „Nix wie in die Gurgel noi“ nochmal – jetzt laut, klar und getragen von mehr als 500 Stimmen, die alle eins wollen: feiern, lachen, schunkeln.
Bürgermeister Tobias Greulich übergibt den Schlüssel des Rathauses – und damit die Regentschaft – offiziell bis Aschermittwoch an das Prinzenpaar. Von diesem Moment an ist die Macht offiziell verlagert. Neben Greulich werden Ehrenpräsident Dieter Renninger und der ehemalige Bürgermeister Werner Knopf mit ihren Frauen, die Leiterin der Malscher Grundschule Silke Wildenstein, die CDU-Landtagsabgeordnete Christiane Staab, Pater John und viele weitere Gäste aus den umliegenden Orten begrüßt. Sitzungspräsident Erhard kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Das zweite Malsch hat es eindeutig besser“, sagt er augenzwinkernd über einen Ort bei Karlsruhe, „neben denen liegt schließlich nicht Malschenberg“. Aus dem Publikum kommt das erste vielstimmige „Uiuiui“ und „Auauauauau“. Die Halle ist auf Betriebstemperatur.
Fliegende Röcke, schnelle Schritte: die Prinzengarde wirbelt in Vereinsfarben über die Bühne und zeigt ihren Gardetanz – präzise und kraftvoll. Und die Bühne gehört den Rednern. Karneval kann Heimat erklären. Wie bei Dieter Renninger, der verkleidet als Frau auf dem Schwätz-Bänkle Platz nimmt – der Bank, die vor dem Friedhof steht und in Malsch längst mehr als nur ein Sitzmöbel ist. „Endlich mol ebbes G’scheids henn se im Rathaus g’macht“, sagt Renninger, und legt nach: „Do braucht mer koin Rhein-Neckar-Zeitung mehr.“ Er erfahre schließlich alles vom Schwätz-Bänkle aus.
Mit ihrem Tanz zu „Vaiana“ zieht das Mädchenballett das Publikum auf seine Seite. Hände klatschen, Füße wippen, donnernder Applaus. Es geht Schlag auf Schlag. Mit „Conquest of Paradise“ betritt Matthias Melich als Monsignore Matteo die Bühne. Flankiert wird er von seinen beiden Ministranten, Tobias Greulich und Dieter Renninger, standesgemäß verkleidet. Melich hält Fürbitten – allerdings nicht für die Weltkirche, sondern für die Wählerinnen und Wähler in Malsch. Was folgt, ist eine pointierte Abrechnung mit der Politik, liebevoll durch den Kakao gezogen.
Nach dem Jugendballett ist Ulrike Ehrenberger an der Reihe. Thema: die neue Pizzeria im Zehntkeller. Bald werde es dort genauso voll sein wie in der „Traube“ oder der „Reblaus“. Es folgen zahlreiche lokale Spitzen und welche Pizzasorte für wen am besten geeignet ist. Treffsicher verteilt.
Die Pause ist vorbei. Die Bühne verwandelt sich in einen Friseursalon. Isabella Erhard und Tanja Ungerer, alias Helga und Gerda, wissen genau, wie man ein Publikum anheizt – mit Stimme, Timing und viel Selbstironie. Arno Stegmaier singt gemeinsam mit Isabella Erhard das Brezel-Duett, dazwischen wird immer wieder geschäkert. „Um zwölf treff’ mer uns hinter dr Halle“, heißt es. Ihr letztes Lied ist eine Liebeserklärung ans Dorfleben: „Ich bin ein Dorfkind, darauf bin ich stolz, denn wir Dorfkinder sind aus gutem Holz.“ Zwischendurch zünden immer wieder Raketen, es gibt Helau-Rufe, Schunkel-Einlagen. Keine der Tanzvorführungen endet ohne Zugabe. Auch die des Showballetts nicht nach ihrem Cheerleader-Tanz. Die „Milidärkabell“ parodiert eine Malschenberger Karnevalssitzung, Witze über den Nachbarort inklusive.
Rene Wittmaier erscheint als Skifahrer. Unterbricht sein Programm um Mitternacht, um allen Geburtstagskindern zu gratulieren. Die Pink Panthers spielen „Happy Birthday“, der Saal singt mit. Nach weit über fünf Stunden geht es aufs Finale zu. Das Männerballett tanzt das „Schwarzwaldmädel“, in typischen Schwarzwaldkostümen mit roten Bollenhüten, die von den Trainerinnen in Handarbeit gefertigt wurden. Zuckersüß und selbstironisch umringen sie den Tanzbaum.
„So ein Tag, so wunderschön wie heute“ läutet das Ende des Abends ein. Alle Mitwirkenden sind auf der Bühne. Kinder werfen immer wieder Konfetti und Luftballons hoch. Der Vorhang fällt langsam, doch die Gespräche im Saal und an der Bar gehen weiter. Malsch hat gefeiert. Laut, bunt, lustig. Mit Spott und Pointen – auf Politik und Alltag.
Entnommen aus der RNZ (Melanie Fischer)